Die Diagnose (diagnostischer Teil)
Mit meiner persönlichen fünfjährigen ALS-Erfahrung sowie meinem Enga-
gement für ALS-Betroffene in der ALS Vereinigung, wage ich inzwischen zu
behaupten, dass ich wohl nicht nur in theoretischer sondern auch in prakti-
scher Hinsicht, über grösste ALS-Erfahrungen verfüge. Selbstverständlich
schliesse ich dabei die rein medizinischen Themen aus!
Grundsätzlich ist es schlecht möglich den genauen Zeitpunkt der Diagnose
beziehungsweise des Erhalts dessen festzulegen oder zu bestimmen. So-
mit macht es sehr wenig Sinn, sich auf die statistischen Werte festzulegen.
Der Neurologe spricht erst von ALS, wenn beide Motoneurone betroffen
sind (siehe Skizze...). Es ist nicht zwingend der Fall, dass mit Beginn der
ALS beide Motoneurone gleichzeitig betroffen sind. Oft ist bei einigen Pa-
tienten erst das eine Motoneuron betroffen und erst später folgte danach
das Zweite. Selbst die Reihenfolge kann unterschiedlich sein. Aus diesem
Grunde zögern einige Ärzte mit einer klaren Aussage und sprechen von
einem Verdacht...
Von einigen Neurologen habe ich auch schon gehört, dass zu Beginn oft
auch dem Patienten nicht eine klare Diagnose abgegeben werden kann,
weil dieser speziell in dieser Phase unter enormem psychischen Stress lei-
det. Leider verliert der Betroffene durch dieses zurückhaltende abwarten
wichtige Zeit, die ihm in späteren Verlauf der Krankheit im Erhalt der Le-
bensqualität fehlt.
Gemäss statistischen Erfahrungen dauert es bei ALS Patienten zwischen
10-14 Monaten bis zu einer mehr oder weniger verständlichen Diagnose.
Mit mehr oder weniger meine ich, dass von einer Motoneuronen Erkran-
kung oder Verdacht auf ALS gesprochen wird. Durch die unwahrschein-
liche psychische Belastung von Ärzten, Betroffenen und auch Angehörigen,
wird der diagnostizierte oder ALS-verdächtige Patient aus der
Sprechstunde entlassen. Je nach Situation mit einem weiteren Aufgebot in
ein paar Wochen....
Da aber leider, ohne jegliche Vorwürfe gegenüber der Medizin, die Medizin
grundsätzlich weltweit keine Heilung oder Verhinderung von ALS hat, sind
die vorhandenen Massnahmen sinnvoll zunutzen und zu koordinieren. An
dieser Stelle möchte ich ebenfalls erwähnt haben, dass die vorhandenen
Hilfeleistungen in der Schweiz grosszügig und einzigartig sind. Das
Hauptproblem liegt nicht am Vorhandensein
sondern eher am umsetzen oder organisieren.
Der wichtigste Schritt bei Verdacht einer
Diagnose von ALS ist so rasch als möglich die
IV anzumelden. Dies gilt im Speziellen dort,
wo der Betroffene weniger als 720 Tage das
Krankentagegeld versichert hat! Dieser Schritt
ist deshalb wichtig, weil bei einer unklaren
Anmeldung bei der IV, das gesetzlich
vorgegebene Wartejahr sozusagen viel zu
spät akzeptiert wird und somit die Rente zu
spät ausgezahlt wird. Zu diesem Punkt ist ganz speziell zu beachten, dass
Erwerbstätige und AHV Bezüger komplett verschiedene Ansätze erhalten.
Es ist deshalb eminent wichtig sofort die entsprechenden Anträge zu
stellen.
Nach der Diagnose (Hilfsmittel, Renten Teil)
In diesem Teil ist speziell wichtig, dass sich der Arzt, der Neurologe, die
Therapeuten, die Pflegenden, der Betroffenen und seine Angehörigen
kommunikativ sozusagen gefunden haben. Oft reden die einzelnen Fakul-
täten von interdisziplinärer oder multiprofessionelle Zusammenarbeit. Diese
beiden Begriffe sind bei ALS nur dann hilfreich, wenn diese multiprofessio-
nelle Zusammenarbeit über alle Beteiligten funktioniert. Leider eine sehr
schwierige Aufgabe die eigentlich niemand so richtig im Überblick
koordiniert. Siehe dazu Projekt ALS-FirstHelp von der
ALS-Vereinigung.cg!
Nach Ansuchen der IV Rentesollte auch zügig das
Gesuch für die Hilflosenentschädigung, welche
ebenfalls vom Kanton beziehungsweise der IV
entrichtet wird, angesucht werden. Die
Hilflosenentschädigung ist ein steuerfreier Beitrag für
die Betroffenen.
Mehr im einzelnen zu den Hilfsmitteln und Renten siehe unter:
Leider stehen hier die Betroffenen in mitten, der für die Krankheit bekann-
ten Tatsache, der 1000 Verabschiedungen... Sind es tatsächlich nur Verab-
schiedungen? Nein!
Lerne zu sterben Damit du lernst zu leben!
ALS-Betroffene lernen gemeinsam mit den Angehörigen und dem Umfeld
viele positive Dinge im Leben in Gegenseitigkeit kennen. Dazu ist es ganz
wichtig von aussen die vorhandene Hilfe auf allen Ebenen anzunehmen.
Aus Erfahrung weiss ich ganz persönlich von was ich hier spreche. Es ist
enorm wichtig, dass die Fa-
milienangehörigen immer wieder Ent-
lastungsinseln erhalten, nur so kann
verhindert werden, dass Familienan-
gehörige sozusagen ebenfalls erkranken
und sogar ausfallen.
Freunde und Kollegen können mit einzel-
nen Besuchern ebenfalls viel Gutes dazu
beitragen.
Auch der spirituelle Weg ist aus meiner
Sicht nur zu empfehlen. Ich hatte das
spezielle Glück mit Margith Tanner und
Claudia Gabathuler wöchentlich gemeinsam
in der Meditation und in Gesprächen viel schönes und Gelassenheit zu
erfahren.
Natürlich werde auch ich durch die Tatsache immer noch weniger machen
zu können, inzwischen bin ich von Hals bis Fuss gelähmt, manchmal so
wütend, dass ich, wenn ich einen Startknopf hätte, auf den Mond fliegen
könnte...
Palliative oder besser die Zeit zuletzt (Letzter Teil)
Nun kann ich mit 54 Jahren nicht zwingend sagen, dass ich mich nach
sechs Jahren ALS auf das Sterben freue. Trotzdem versuche ich nach
Möglichkeit mich persönlich aber auch meine Familien, so weit zu bringen,
oder soviel Verständnis zu erreichen, dass ich sagen kann nun ist der
Moment da, wo ich gelassen, zufrieden und in Erlösung sterben kann.
So sterbe ich heute schon jeden Abend und komme jeden Morgen wieder
zur Welt. Mit dieser Betrachtungsweise und den täglichen Empfindungen
und Freuden, sich an dem zu freuen was man noch kann und nicht was
man schon verloren hat, geht es mir und jedem Menschen am Besten. Das
Hier und Jetzt ist in den Vordergrund zu nehmen. Die Gedanken oder
Überlegungen was danach ist mache ich mir deshalb nicht, weil niemand
dazu eine Antwort findet.
Vor der Zeit zuletzt sollte man sich rechtzeitig und gemeinsam über diesen
“Teil” unterhalten. Persönlich habe ich längst dazu eine Patientenverfügung
erstellt. da in dieser Verfügung oder allgemein im Sterbeteil der Mensch
teilweise hinter der Gesetzgebung steht, gibt es für mich bis anhin keine
Patientenverfügung wo ich sagen kann, hier sind sich nun die Mediziner
und Juristen einig.diese Situation finde ich beschämend und sehr traurig.
Leider bin ich überzeugt, dass dieses Thema, aufgrund unseres wirt-
schaftlichen Denkens noch lange, wenn nicht für immer, so bleiben wird.
Dementsprechend möchte ich an dieser Stelle keine Tipps oder Empfeh-
lungen darüber erteilen. Was ich allerdings nicht empfehle, ist eine vorge-
druckte Patientenverfügung aus dem Netz herunter zu laden. Lieber in ein
paar Zeilen mit einer persönlichen menschlichen Logik die letzten Wünsche
aufschreiben.
Dazu ist natürlich zu schauen, dass man zusammen mit den Angehörigen,
dem Hausarzt und auch den pflegenden (Spitex oder andere) diese Wün-
sche korrekt hinterlegt beziehungsweise kommuniziert.