ALS ist die Abkürzung für amyotrophe Lateralsklerose. Diese Bezeichnung
steht für:
A =
Fehlen, Schwund
Myo =
Muskel
Trophisch =
den Wachstumszustand eines Gewebes betreffend
Lateral =
seitlich (vom Rückenmark)
Sklerose =
Verhärtung (des seitlichen Rückenmarks)
Anmerkung:
die Benennung der Krankheit erfolgt etwas unlogisch nach
den Symptomen beziehungsweise Folgen, nach dem Sterben
der Nervenzellen.
ALS ist grundsätzlich eine Nervenerkrankung, welche sympto-
matisch zu Muskelschwund führt.
ALS ist eine zurzeit unheilbare, chronische Erkran-
kung des zentralen Nervensystems. Die Krankheit
führt zu Muskellähmungen und Muskelschwund am
ganzen Körper einschliesslich der Atemmuskulatur.
Erstmals wurde ALS 1869 von dem französischen
Neurologen Jean-Martin Charcot in Paris beschrie-
ben. ALS wird daher häufig auch als Maladie du
Charcot bezeichnet. Weitere Bezeichnungen sind
Motor Neuron Disease (MND) und Lou Gehrig’s
Disease.
Betroffen ist derjenige Teil des Nervensystems, der
für die willkürliche Steuerung der Skelettmuskulatur
verantwortlich ist. Bei ALS handelt es sich also um
eine Schädigung der motorischen Nervenzellen
(motorische Neurone, Motoneurone) im Gehirn und Rückenmark.
Das motorische System
Die Nervenzelle im Gehirn, einschliesslich ihres Nervenfortsatzes (Axon),
nennt man erstes motorisches Neuron. Der Nervenfortsatz des ersten mo-
torischen Neurons hat Kontakt mit motorischen Nervenzellen im Rücken-
mark, die als zweites motorisches Neuron bezeichnet werden. Die Nerven-
zellen im Rückenmark stellen durch lange Nervenfortsätze die Verbindung
zur Muskulatur her. Bei der ALS sind beide motorische Neurone, d.h. das
erste und das zweite Motoneuron, erkrankt. Dabei kommt es zu einem Un-
tergang der einzelnen motorischen Nervenzellen.
Eine Störung der motorischen Neurone stellt sich daher dem Patienten in
erster Linie als Muskelschwäche (Kraftminderung, Parese), Muskel-
schwund (Atrophie) oder Steifigkeit (Spastik) dar.
Eine Schädigung des ersten Motoneurons kann zu
einer unkontrollierten Steigerung der Muskel-
spannung führen, die der Patient als Spastik
empfindet. Durch die Schädigung des zweiten
Motoneurons wird die Aktivierung der Muskulatur
durch das Nervensystem vermindert. In der Folge
entstehen eine Parese und eine Atrophie. Sehr charakteristisch für die ALS
ist das Nebeneinanderbestehen all dieser motorischen Symptome. So sind
bei der ALS zum Beispiel eine Reflexsteigerung bzw. erhaltene
Muskeleigenreflexe in paretischen Muskelgruppen nachweisbar.
Das motorische System im Film dargestellt
ALS ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems.
Die Nerven im Hirn und Rückenmark steuern die
Muskulatur. Bei ALS sterben sowohl die Nerven im Hirn
wie die im Rückenmark ab. Dadurch erhalten die
Muskeln keine Impulse mehr. Die Folge sind wie bereits
erwähnt: Muskelschwund. Je nach Krankheitsverlauf
sind in unterschiedlicher Reihenfolge die Muskeln der
Extremitäten betroffen, des Kau- und Schluckbereichs,
des Atemzentrums. Es ist ein langsam fortschreitender
Lähmungsprozess. Intelligenz und Fühlvermögen
bleiben dabei erhalten.
Symptome der amyotrophen Lateralsklerose (ALS)
Der Beginn der Erkrankung stellt sich in der überwiegenden Zahl als eine
Muskelschwäche dar. Dabei kann sich diese Kraftminderung je nach der
zuerst betroffenen Muskelpartie völlig unterschiedlich
zeigen. Grundsätzlich ist zwischen dem
Krankheitsbeginn an den Extremitäten, dem spinalen
Krankheitsbeginn und einer weniger häufigen
Verlaufsform zu unterscheiden, die mit Sprech- oder
Schluckstörungen beginnt, dem bulbären Krankheits-
beginn. An der bulbären Verlaufsform der ALS leiden
zu Beginn etwa 20 bis 30% der Patienten.
Bei der spinalen Form kann die Krankheit durch eine
Ungeschicklichkeit der Hände z.B. beim Rasieren oder
Schreiben etc. auffallen. Dies ist bei circa 40% der
Betroffenen der Fall.
Beginnt die Krankheit an der unteren Extremität (in
weiteren 40% der Fälle) wird meistens eine Gangunsicherheit oder eine
Schwäche der Beine bemerkt. Außerdem kann sich der Krankheitsbeginn
aber auch als Atrophie oder Spastik zeigen. Typische Beschwerden sind
außerdem auch Muskelkrämpfe.
Wichtig ist, dass der spinalen und der bulbären Verlaufsform – so verschie-
den die Beschwerden der Patienten auch sind – die
gleiche Ursache zugrundeliegt.
Die Körperwahrnehmung, die sensiblen Funktionen, die
Kontrolle von Stuhl und Urin, aber auch, und das ist mir
immer wieder ganz wichtig, zu betonen, die kognitiven
Fähigkeiten bleiben in der Regel intakt.
Verlauf der amyotrophen Lateralsklerose
Der Verlauf der ALS ist bei jedem Patienten unter-
schiedlich. So ist eine Vorhersage der einzelnen
Beschwerden und des zeitlichen Auftretens der Symptome
nicht möglich. Der Krankheitsverlauf der ALS und vor
allem die individuellen Beschwerden werden wesentlich
von der erstbefallenen Muskelregion bestimmt. Die
Beschwerden beginnen in der Regel in einer isolierten Muskelregion, z.B.
mit einem Muskelabbau der kleinen Handmuskeln oder Faszikulationen.
Charakteristisch ist das Ausbreiten der Symptomatik auf benachbarte Mus-
kelregionen, z.B. vom Arm auf die gleichseitige Schulter oder den anderen
Arm. Dabei folgt die Ausbreitung der motorischen Symptomatik offensich-
tlich einem bestimmten Muster, dessen Grundlage derzeit nicht bekannt ist.
Die Geschwindigkeit der Symptomausbreitung kann viele Monate oder nur
wenige Wochen betragen. Bedingt durch die Atrophie oder durch die Spa-
stik kommt es zu einer fortschreitenden Lähmung der betroffenen Extre-
mität.
Bei Befall der Beinmuskulatur bedeutet dies eine zunehmende Gehstörung,
die bis zur Notwendigkeit von Gehstützen und
schlussendlich eines Rollstuhls führt. Ein Befall
der Armmuskulatur schränkt wiederum andere
Tätigkeiten des Patienten ein. So werden alle
Verrichtungen, die mit Armen und Händen
ausgeführt werden, wie Heben, Tragen,
Schreiben, Schneiden, Essen, Körperpflege
erschwert. Im weiteren Krankheitsverlauf werden
in der Regel alle Extremitäten, d.h. Arme und
Beine betroffen sein.
Wie bereits erwähnt, beginnt die Erkrankung bei
einer geringeren Zahl der Patienten mit einer
sogenannten Bulbärsymptomatik. Bei der
überwiegenden Zahl der Patienten treten die
bulbären Symptome in einem späteren
Krankheitsstadium zusätzlich zu der
Extremitätenschwäche auf. Bei der bulbären Symptomatik handelt es sich
um eine Störung der Muskulatur, die von den Hirnnerven versorgt werden.
Dazu gehören die Zungen-, Rachen- und Gaumenmuskulatur.
Der bulbäre Verlauf führt zu einer Dysarthrophonie (Sprechstörung) und
einer Dysphagie (Schluckstörung).
Bedingt durch die Störung der Rachen- und Zungenmuskulatur kommt es
zu Kau- und Schluckstörungen. Eine beeinträchtigte Boluskontrolle sowie
insuffiziente pharyngeale Bewegungen führen dazu, dass bestimmte Nah-
rungsmittel, insbesondere sehr feste oder dünnflüssige Nahrung, nicht
mehr richtig geschluckt werden können. Dies birgt die grosse Gefahr einer
Aspiration!
Mit der Lähmung der Gesichtsmuskulatur, die ebenfalls zum Krankheitsbild
gehören kann und der Dysphagie, kommt es auch zum Entweichen des
Speichels, was als sehr unangenehm für die Betroffenen erlebt wird.
Insgesamt verursacht die Bulbärsymptomatik schwerste Belastungen für
den Erkrankten und die Angehörigen. Betroffen wird im Verlauf, selten auch
als Krankheitsbeginn, auch die Atmung. Eine Schwäche der
Atemmuskulatur kann vor allem im fortgeschrittenen Krankheitsverlauf zu
einer lebensbedrohlichen Situation werden und stellt eine häufige
Todesursache der ALS dar.
Die mittlere Überlebenszeit nach Diagnosestellung beträgt 3 bis 5 Jahre.
Etwa 10% der Patienten haben einen langsamen Verlauf der ALS mit Über-
lebenszeiten von mehr als 5 Jahren. Bei einem sehr geringen Teil der Pa-
tienten sind Verläufe von mehr als 10 Jahren bekannt.
Ein prominenter an ALS erkrankter, ist der Astrophysiker Steven Hawking.
Er wurde 1942 geboren und erkrankte 1962 im Alter von 20 Jahren an ALS.
Seit 1985 wird er, komplett gelähmt, nach einer Tracheotomie (Luftröhren-
schnitt) unterstützt beatmet.
Häufigkeit der ALS
ALS kann jeden Menschen treffen. Männer sind
eineinhalb Mal häufiger betroffen als Frauen. Die
meisten Erkrankten erhalten die Diagnose ALS
zwischen ihrem 51. und 55. Lebensjahr. Es gibt
aber auch viel jüngere Betroffene und ebenso
auch ältere.
Familiäre amyotrophe Lateralsklerose
Zwischen 5 und 10 % der ALS-Patienten haben Hinweise auf eine erbliche
(familiäre) Form der ALS (FALS). Das wesentliche Kennzeichen, ob eine
FALS vorliegt, ist die Krankengeschichte (Anamnese) anderer Familien-
mitglieder. Dabei ist von entscheidender Bedeutung, ob der Vater oder die
Mutter des Patienten sowie die Geschwister der Eltern und des Betroffenen
an ALS erkrankt waren oder sind. Bei einer Familiengeschichte ohne Hin-
weis auf eine ALS ist von einer nichterblichen Form der ALS auszugehen.
Ursachen der ALS
Die Ursache für die Schädigung der Nervenzellen ist bis heute unbekannt.
Verschiedene Theorien über die Ursache von ALS liegen weltweit vor.
Folgende Thesen existieren:
Eine Autoimmunerkrankung. Das heisst in diesem Fall, dass das
Immunsystem eines Körpers beginnt, die körpereigenen Nervenbe-
standteile zu bekämpfen.
Überbeanspruchung durch sportliche Aktivitäten (Übersäuerung!)
Eine Vergiftung durch körpereigene Stoffe. Der körpereigene Boten-
stoff Glutamat kann bei einer zu hohen Konzentration im Körper zu
Zellschädigungen führen. Er ist für die Signalübertragung von einer
Nervenzelle auf die andere verantwortlich.
Ein Giftstoff, der mit der Nahrung aufgenommen wird.
Familiäre ALS
Bis heute hat keine dieser Thesen Klarheit geschaffen!!!
Diagnose der ALS
Klinische Diagnose
Die wesentlichen Hinweise zur Diagnose ALS ergeben sich durch die
neurologische Untersuchung. Durch die Feststellung charakteristischer
Symptome erhält der neurologisch ausgebildete Arzt deutliche Hinweise
auf eine ALS.
Diese klinischen Symptome der ALS sind fortschreitende Paresen und
Atrophien. Zusätzlich liegt in der Regel eine Reflexsteigerung (Hyper-
reflexie) in denjenigen Muskelgruppen vor, die durch Paresen und Atro-
phien betroffen sind. Außerdem kann es zu einer Zunahme der Muskel-
spannung kommen, die sich mit Muskelkrämpfen (Crampi) oder in Form
einer Spastik der Extremitäten zeigt. Dieses Nebeneinanderbestehen von
Paresen, Atrophien, Hyperreflexie und Spastik ist typisch für die ALS und
Grundlage für ihre klinische Diagnose.
Faszikulationen sind ebenfalls ein typisches, jedoch unspezifisches Merk-
mal der ALS. Faszikulationen können bei sehr unterschiedlichen neurolo-
gischen Störungen und bei gesunden Personen auftreten, so dass eine
Diagnosestellung einer ALS auf der Grundlage von Faszikulationen nicht
erfolgen darf.
Zusatzdiagnostik der amyotrophen Lateralsklerose (ALS)
Die klinische Diagnose der ALS muss durch eine Zusatz- und Aus-
schlussdiagnostik ergänzt werden. Ziel dieser Diagnostik ist der Aus-
schluss anderer Krankheiten, die Ähnlichkeiten zur ALS aufweisen können.
Einzelne Symptome des Krankheitsbildes der ALS treten auch bei anderen
neurologischen Erkrankungen auf. Das betrifft jedoch nur einzelne Elemen-
te der ALS, aber nicht das gesamte Krankheitsbild. Diese Erkrankungen
sind wesentlich seltener als die ALS und durch weitere Untersuchung zu
unterscheiden. Die Abgrenzung von der ALS ist besonders wichtig, weil die
„ALS-ähnlichen“ Krankheiten meist besser zu behandeln sind.
Die wichtigsten Zusatzuntersuchungen, die ich hier nur kurz nennen
möchte, sind
die Elektromyopraphie (EMG)
die Elektroneurographie (ENG)
die transkranielle Magnetstimulation (TMS)
Die Elektromyographie (EMG) ist eine sehr wichtige diagnostische Metho-
de bei Erkrankungen der Nerven und des Muskels. Sie ist ein technisches
Untersuchungsverfahren, bei dem die natürliche, elektrische Aktivität eines
Muskels gemessen wird. Sie gibt Hinweise darauf, ob der Muskel selbst
erkrankt ist oder der Nerv, der diesen Muskel mit Information versorgt,
nicht ausreichend funktioniert. Bei der EMG-Untersuchung handelt es sich
um eine Nadeluntersuchung, bei der mit einer sterilen Elektrode einzelne
Muskelgruppen punktiert und die elektrische Aktivität der entsprechenden
Muskeln aufgezeichnet werden.
Im Zusammenhang mit der EMG-Diagnostik wird oft eine weitere elektro-
physiologische Untersuchung durchgeführt, die Elektroneurographie
(ENG), mit der Erkrankungen der peripheren Nerven (motorische Neuro-
pathien) nachgewiesen oder ausgeschlossen werden. Dabei werden aus-
gewählte periphere Nerven im Bereich der Arme und Beine mit genau do-
sierten elektrischen Impulsen gereizt und die Reaktion auf diese elektri-
schen Reize untersucht. So lässt sich die Geschwindigkeit bestimmen, mit
der ein Nerv elektrische Signale weiterleitet (Nervenleitgeschwindigkeit).
Außerdem wird gemessen, wie gut eine elektrische Nervenreizung auf den
entsprechenden Muskel übertragen wird (neuromuskuläre Überleitung).
Mit der transkraniellen Magnetstimulation (TMS) lassen sich Verände-
rungen bestimmter Leitungsbahnen bei der ALS nachweisen. Bei der TMS
werden über eine handtellergroße Spule, die auf den Kopf des Patienten
gehalten wird, kontrollierte magnetische Impulse gesetzt, die zu einer Reiz-
antwort in Arm oder Bein führen. Dies ist eine nichtinvasive Methode, bei
der man die Nervenbahnen (Pyramidenbahnen) beurteilen kann. Und ge-
nau diese Nervenbahnen sind ja bei der ALS betroffen.
Selten ist eine Gewebeentnahme aus einem Muskel (Muskelbiopsie) oder
einem peripheren Nerven (Nervenbiopsie) erforderlich.
Um entzündliche Erkrankungen, also beispielsweise MS, auszuschliessen,
wird auch eine Lumbalpunktion (Entnahme von Liquor im Bereich des
Lendenwirbels) gemacht!
Was ist ALS? Hören Sie die Antwort von ALS
Betroffenen. Aufgenommen auf dem Herzberg
unweit von Aarau im Sommer 2009.
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